…Verlorenes Wissen entschlüsseln
Unsere Arbeit im Institut und am Instrument orientiert sich an Standarts und Grundsätzen der ICOM und CIMCIM. ¹
¹ (Comité international pour les musées et collections d’instruments et de musique /// International Committee for Museums and Collections of Instruments and Music; Comité internacional para museos y colecciones de instrumentos y de música).
GIMK Leitfaden zum Umgang mit restaurierungsbedürftigen historischen Musikinstrumenten
Im ersten Arbeitsstadium werden nicht nur die Dimensionen des Objekts und seiner Bestandteile messtechnisch erfasst, sondern auch die jeweiligen Spuren, die durch Herstellungsprozesse, Überarbeitungen, Reparaturen, Alterung oder auch Schadensereignisse entstanden sind.
Die Dokumentation konzentriert sich auf die möglichst
vollständige Erhebung des Ist-Zustands des Instruments.
Die Datenerfassung
dient sowohl der Befundsicherung des gegenwärtigen Zustands des Objekts als
auch als Grundlage für hermeneutische Deutungsschritte.









Ausführliche Informationen erhalten Sie im nachfolgenden Akkordeon-Container:


Auf der Basis der Dokumentation des Ist-Zustandes werden CAD-Pläne erstellt. Damit ist es erst möglich, einen hypothetischen Soll- bzw. Ursprungszustand zu erschließen, indem anhand der vorgefundenen Spuren und Veränderungen Rückschlüsse auf eventuelle Konzeptionen zum Zeitpunkt der Entstehung gezogen werden können. Solche können zudem virtuell umgesetzt werden, um deren Auswirkungen zu überprüfen, ohne dass dabei das Original angetastet werden muss.


Mit Hilfe der CAdD-Pläne und der erhobenen Spurenbefunde kann die Herstellung nachvollzogen werden, als eigenständiger Erkenntnisprozess im Sinne eines Reverse-Engineerings.
Ziel ist es, eine
möglichst der Originalvorlage - einschließlich des anhand vorgefundener
Spuren erschlossenen Herstellungsprozesses - entsprechende
Faksimile-Kopie zu erstellen, bei der keinerlei "Verbesserung von
Fehlern" oder "Optimierung" oder "Anpassung an technische/musikalische
Erfordernisse" vorgenommen wird. Das Vorbild bleibt dabei weitestgehend
unverändert erhalten, ist aber alleiniger Maßstab für die Herstellung
der Kopie und deren Potential.
Die im Abgleich mit den vorgefundenen und dokumentierten Spuren der Herstellung überprüfbare Erforschung des Konstruktionsverfahrens ergibt im handwerklichen Nachbau des Instruments Einblicke in das konzeptionelle Vorgehen beim Original, ohne diese Spuren dort selbst zu zerstören oder auch nur zu beeinträchtigen.
Einige Beispiele aus der gegenwärtigen Arbeit hier:
Am Ende dieses Prozesses steht ein auf wissenschaftlicher Basis entstandenes und überprüfbares Faksimile-Instrument, das als Grundlage weiterer Forschungsansätze dienen kann.
Ziel ist, das historische Musikinstrument als Quelle kultur- und technikgeschichtlicher Überlieferung besser verstehen zu lernen.
Die oben gezeigten Mittel zur Dokumentation sind Werkzeuge. Ihr Gebrauch führt zu einer Datenverfügbarkeit, die es allein dem forschenden Betrachter überlässt, welche Informationen er für sich benötigt und sich verfügbar macht. Nicht unübersichtliche Zahlenreihen sind das Ergebnis der Dokumentation, sondern verständliche, einfache zwei- oder dreidimensionale Darstellungen. Alle Messwerte können aus den Darstellungen entnommen werden. Das komplexe Instrument steht als virtueller Datenträger einem hermeneutischen Prozess zur Verfügung. Für vergleichende oder erklärende Instrumentenkunde wird so eine wissenschaftliche Basis eröffnet.
Das Erstellen dieser Datenbasis mit den vorgestellten Werkzeugen ist mit vertretbarem Zeit- und Kostenaufwand möglich. Der kunstgeschichtliche Wert historischer Instrumente ist ein Erbe, das nur durch Erkenntnis erworben werden kann. Erst der Prozess der Erkenntnis erlaubt einen verantwortungsvollen, lebendigen Umgang mit diesem Kulturgut.

An einem solchen Faksimile lassen sich Spiel- und Klangeigenschaften theoretisch und praktisch nachvollziehen, ohne hierfür
das Originalinstrument heranziehen zu müssen, das somit als Denkmal wie als
Quelle für zukünftige Generationen und Forschungsinteressen bewahrt werden
kann.
Es bietet zudem den Vorzug, von den Überformungen, Alterungs- und Verschleißprozessen des Originalinstruments nicht tangiert zu sein und kann gleichzeitig als Prototyp und Referenz für weitere Faksimile-Instrumente dienen.
Es wird außerdem seinen eigenen spezifischen Alterungsprozess erfahren und damit Rückschlüsse erlauben, welche längerfristigen Auswirkungen aus einzelnen Bauweisen und deren Spuren am Original abzuleiten sind. Auch für Rückschlüsse auf die ursprünglich intendierte Gebrauchsdauer ergeben sich wertvolle Daten.
Die im Institut mit den Methoden der experimentellen Archäologie entstandenen wissenschaftlichen Rekonstruktionen finden Sie im entsprechenden Menüpunkt „FORSCHUNGSNACHBAU".